Reviews
GMCD 7293 Hünerwadel
Tages-Anzeiger 01.02.2006
Miniaturen für
„unsere gute Jungfer“
Eine CD mit
Musik von und für Fanny Hünerwadel gibt Einblick ins Züricher Musikleben des 19.
Jahrhunderts.
Eine schöne Stimme muss sie gehabt haben, dazu
bemerkenswerte pianistische Fertigkeiten und eine ganz eigene Mischung aus
Durchsetzungskraft und Schüchternheit (in Italien jedenfalls attestierte ihr ein
Gesangslehrer, dass sie alle an die Wand singen würde, wenn sie nicht Angst
hätte wie ein vierjähriges Mädchen). Fanny Hünerwadel, geboren 1826 als Tochter
eines musikbegeisterten Lenzburger Arztes, war um die Mitte des vorletzten
Jahrhunderts eine zentrale Figur im Zürcher Musikleben. Sie gab Konzerte als
Sängerin und Pianistin, musizierte auch regelmässig im Irrenhaus zwecks
Beruhigung der Kranken. Wie dicht ihr Beziehungsnetz war, zeigt ein Album, in
dem sie in den Jahren 1852/53 Kurz- und Kürzestkompositionen von Bekannten,
Lehrern und verehrten Virtuosen sammelte.
Die Werke aus diesem in der Zürcher
Zentralbibliothek liegenden Album sind nun erstmals auf CD zu hören, und sie
geben einen vielseitigen Einblick in den musikalischen Alltag des damaligen
Zürich. Der Hummel-Schüler und Wagner-Freund Alexander Müller steuerte ein
Klavierstück bei, das kühn beginnt, aber ziemlich rasch auf den ausgefahrenen
Gleisen der Salonmusik landet. Ferdinand Fürchtegott Huber liess seine schwer
romantische «Sehnsucht nach der Heimat» in einem herzhaften Jodel enden. Oder es
gibt die 38 Sekunden kurze Streichquartett-Fuge von Christian Gustav
Gottlieb Rabe, den wunderbar stillen «Himmel auf Erden» von Friedrich Wilhelm
Eichler, die gespreizte Virtuosität von Teresa Milanollos Violinsolo -
Miniaturen, Kuriositäten, Preziosen. Auch Schlaumeiereien: Franz Liszt und
Richard Wagner widmeten «unserer guten Jungfer» (Wagner) Stücke, die sie schon
anderswo verwendet hatten.
Schlichte, reizvolle Melodien
Fanny
Hünerwadel selbst hat ebenfalls komponiert; die sieben eingesungenen Lieder
zeigen sie als solide Technikerin mit gelegentlich originellen harmonischen
Ideen, die ihren Schubert zweifellos gut gekannt hat. Entsprechend dem
Zeitgeschmack hat sie vor allem Naturtexte vertont, in denen sich der
Sonnenschein auf die Vögelein reimt und hinter vielem die göttliche Allmacht
fühlbar wird. Die Melodien sind schlicht, aber reizvoll, etwa im
bewegt-melancholischen «Herbstlied». Und auch wenn Yvonne Howard ihnen mit
vibratoreichem Sopran etwas gar viel Pathos zumutet: Dass diese Lieder mithalten
können mit manchem, was heute bekannter ist, wird deutlich auf dieser
verdienstvollen CD (entstanden ist sie im Rahmen eines Nationalfondsprojekts,
und rätselhaft bleibt nur der Einsatz von ausschliesslich englischen
Interpreten).
Es hätte noch etwas werden können aus Fannys Talent, da waren
ihre Zeitgenossen wohl zu Recht überzeugt. Aber die Musikerin machte sich auf
nach Rom, um sich weiterzubilden - und starb dort im Mai 1854, mit nur 28
Jahren, an Typhus. In diversen Nachrufen wurden ihre Qualitäten gewürdigt, im «Lenzburger
Wochenblatt» gar in Versform: «Noch hören wir die Himmelsklänge/Die einst ihr
Sängermund gebar,/Noch hören wir die Engelsänge/So schön, so voll, so
wunderbar.» Womit der Schreiber den Ton der Zeit ebenso traf wie die betrauerte
Musikerin.
Music for
and by Fanny Hünerwadel;
Yvonne Howard, Richard
Edgar-Wilson, Kathron Sturrock, Ensemble The Fibonacci Sequence (Guild).
Festspeilnachrichten Bayreuth
AUF DEM WEGE
ZU WAGNER
CD- Neuerscheinungen des Schweizer
Labels Guild
Musikfreunde verdanken der
Musikabteilung der Zentralbibliothek Zürich eine ganze Reihe klingender
Besonderheiten. Das Forschungsprojekt des Schweizerischen Nationalfonds „Musik
in Zürich“ setzt die Archivschätze in Klang um, in Konzerten und auf CD. Fünf
Jahre ist es her, seit die Urform des „Ring“ auf CD erschien, die Heldenoper „Siegfrieds
Tod“, von deren erster und zweiter Szene Richard Wagners Kompositionsskizze
erhalten ist, so dass nun die zum Teil textgleichen Gesänge der Nornen,
Siegfrieds und Brünnhildes mit der Fassung der späteren „Götterdämmerung“
vergleichbar sind.
„Siegfrieds Tod“
In „Siegfrieds Tod“ tönt das
Heldenpaar wie Lohengrin und Elsa, und nur die Nornen lassen – rückbezogen auf
das frühe Schicksalslied vom Tannenbaum aus Wagners Rigaer Zeit – die spätere
Dimension erahnen (MGB CD 6156 DDD). Nun erschien in der Schweiz eine weitere
Interpretation des Abschieds von Siegfried und Brünnhilde aus „Siegfrieds Tod“
auf einer CD rund um Fanny Hünerwadel (1826-1854).
Die Sängerin, Pianistin und
Komponistin gehörte zum Freundeskreis um Richard Wagner in Zürich. In ihren
Unterlagen befand sich ein Album, das Kompositionen ihrer Lehrer und Freunde
enthält, von Franz Liszt eine Vorform des Cantique d’amour aus den Harmonies
poétiques et religieuses, und Richard Wagner hat „unsre gute Jungfer Fanny
Hünerwadel“ mit dem zweiten Teil des szenischen Vorspiels aus „Siegfrieds Tod“
beehrt.
„Wilhelm Baumgartner’s Lieder“
Auch Wagners Freunde Alexander Müller,
Johann Carl Eschmann Johann Wenzel Kalliwoda und Henry Vieuxtemps sind mit
eigenen Kompositionen vertreten. Und der zwar nicht zu Fanny Hünerwadels Album
gehörige, aber hier mit eingespielte Zyklus Opus 4 ihres Lehrers Wilhelm
Baumgartner erweist sich als eine nunmehr geschlossene Aufnahmelücke für den
Wagner-Freund, ist sie doch ein klingendes Pendant zu Richard Wagners Aufsatz
über „Wilhelm Baumgartner’s Lieder“ aus dem Jahre 1852, mit dem Wagner „auf den
charakteristischen Unterschied der Baumgartner'schen Lieder von den heutigen
Modeliedern aufmerksam“ macht: „Die Tongebilde Baumgartner's, wie sie in der
Gesangsmelodie und einer Begleitung, welche diese Melodie wiederum trägt und
verdeutlicht, erscheinen, sind zunächst Produkte rein musikalischer Erfindung,
erfreulich ist hier aber sogleich die Wahrnehmung, wie diese Gebilde ganz in dem
Grade auch musikalisch werden, als sie von einem bedeutenden Inhalte des
Gedichtes angeregt sind, was uns von der gesunden Stellung des Musikers zum
Dichter das beste Zeugniß giebt. Durchgehends sind diese Tongebilde edel, und
jeder Einfluß der modernen Manier auf sie verliert sich genau in dem Maaße, als
sie in ihrer sinnlichen Erscheinung an die ebenfalls sinnliche Kundgebung des
Gedichtes sich anschließen, wo von dem Komponisten bei seiner natürlichen
Stellung zum Dichter geradewegs das Bedürfniß gefühlt wird.“
Insbesondere das „Abendlied: An die
Natur“ auf ein Gedicht Gottfried Kellers scheint Wagners Wunsch „Möge
Baumgartner diesen Dichter in seinem schweizerischen Landsmanne und Freunde
Gottfried Keller finden, und der gemeinsamen Schöpfungskraft Beider das
wirkliche, von der Dichtung wie von der Melodie untrennbare Lied entblühen“,
Rechnung zu tragen.
(Richard Wagner: Sämtliche Schriften
und Dichtungen: Zwölfter Band. S. 285) Yvonne Howard und Richard Edgar-Wilson
tragen die Lieder des Albums von Fanny Hünerwadel textverständlich und Wagners
Opernszene mit liedhafter Leichtigkeit vor. Die dezent waltende Pianistin
Kathron Sturrock, sowie Flöte und Streicher ergänzen das ansprechend
transparente Klangbild.
„Die Schweizerfamilie“
Die lyrische dreiaktige Oper „Die
Schweizer-Familie“ von Joseph Weigl (1766 – 1846) Die bäuerliche Schweizer
Familie Boll lebt bei dem von ihr aus Bergnot geretteten Graf Wallstein in
Deutschland, sehnt sich aber nach der Heimat zurück. Bolls Tochter Emmeline wird
schwermütig, so dass der Graf bemüht ist, ihr eine künstliche Schweiz zu
schaffen, aber erst der hinzukommende Geliebte Jacob Fribourg vermag ihre
Melancholie zu beenden. Diese Spieloper war im 19. Jahrhundert äußerst populär,
ihre Aufführungsziffern überrundeten die von Beethovens „Fidelio“. Die von Franz
Schubert heiß geliebte, sogar in seinem Schaffen zitierte Partitur Weigls hat
Richard Wagner 1837 in Riga einstudiert und dirigiert. Wie es jenen Jahren
üblich, ergänzten die Dirigenten die von ihnen geleiteten Opern häufig durch
eigene Kompositionen. So auch Richard Wagner: er komponierte „für den Bassisten
Scheibler eine gebetartige Einlage zur »Schweizerfamilie«, welche nicht nur dem
Publikum, sondern auch mir selbst wirklich gefiel und bereits von der großen
Umwandlung Zeugnis ablegte, welche sich immer mehr in meiner musikalischen
Entwicklung kundgab.“ (Richard Wagner: Mein Leben) Erstmals am 22. Dezember 1837
erklang die von Wagner getextete und komponierte Einlegarie für die Figur des
Richard Boll, vermutlich am Ende der 5. Szene des 3. Aktes:
„Ach, wir treiben mit der Armen
ein gewagtes, kühnes Spiel.
Wird des kranken Herzens Sehnen
durch der Täuschung Wahn gelöst?
Doch es leitet uns die Liebe,
Liebe süßem Schein ihr zu, ja Liebe!
Und vor unsren Blicken dämmert
das ersehnte freudige Ziel.
Lieber Gott, lass alles glücken,
send ihr Freude, gib uns Ruh,
schau mit gnadenvollen Blicken
unsrem Erdentreiben zu.
Lass der Liebe sanftes Tönen
heilverkündend, hell und rein
ihrer Geister Grimm versöhnen
und wir werden dankbar sein.
Lieber Gott, lass alles glücken,
send ihr Freude, schenk’ uns Ruh.
Und wir werden dankbar sein.“
Diese Arie galt lange als „verschollen“
(so im Wagner Werk Verzeichnis, Mainz 1985). Die Kompositionsskizze dazu fand
sich jedoch auf den lange unbekannten Seiten der fragmentarischen Komposition
von Wagners komischer Oper „Männerlist größer als Frauenlist oder Die glückliche
Bärenfamilie“; in der von Sven Friedrich 1996 herausgegebenen Broschüre
Patrimonia 113 der Kulturstiftung der Länder wurde dann auch Wagners Einlegarie
zur „Schweizerfamilie“ partiell als Faksimile veröffentlicht. Die in c-Moll
beginnende, sich aber hoffnungsreich nach C-Dur wendende Arie im Tempo „Andante
con moto“ umfasst 81 Takte.
Leider war die Wiederentdeckung der
Wagnerschen Arie den Produzenten der Wiederaufführung der „Schweizerfamilie“ im
Jahre 2004 offenbar nicht bekannt, sonst hätten sie diese Rarität sicherlich bei
der CD-Publikation berücksichtigt, weist doch das Beiheft auf Wagners „verschollene“
Einlegarie und auf die vom Kuhreigen dieser Oper inspirierten Hirtenweisen in „Tannhäuser“
und „Tristan und Isolde“ hin. Außerdem wurde eine weitere Einlegkomposition, ein
Potpourri-Einschub aus dem Jahre 1811, „Auszug der Schweizer Familie zum
Benefize der Herren Inspizienten“, der CD als Anhang beigefügt.
Der lebendigen Gesamtaufnahme,
insbesondere den (leicht verkürzten) Dialogen, merkt man wohltuend an, dass der
Einspielung szenische Aufführungen zugrunde lagen, - die ersten seit dem Jahre
1918. Unter dem jungen israelischen Dirigenten Uri Rom spielt das mit zweifachem
Holz und Blech besetzte Kammerorchester Dreieck sehr sauber und beschwingt, und
die jungen Solisten werden ihren Anforderungen voll gerecht, insbesondere
Marília Vergas als schwermütige Emmeline (auch in einem umfangreichen Melodram!)
und der Tenor Roman Payer als ihr aus den Schweizer Alpen nachgereister,
geliebter Hirte.
Music for und by Fanny Hünerwadel.
Kompositionen von Alexander Müller, Johannn Carl Eschmann, Heinrich Wilhelm
Ernst, ferdinand (Fürchtegott) Huber, Friedrich Wilhelm Eichler, Max Seifritz,
Julius Edele, Johann Wenzel Kalliwoda, Carl Leopold Böhm, Franz Abt, Christian
Gustav Gottlieb Rabe, Henri Vieuxtemps, Teresa Milanollo, Richard Wagner, Franz
Liszt, Fanny Hünerwadel, Wilhelm Baumgartner.
Yvonne Howard
(Mezzosopran), Richard Edgar-Wilson (Tenor), Kathron Sturrock (Klavier), Jack
Liebecki, Charles Sewatt, Ursula Gough (Violine), Yuko Inoue (Viola), Ileana
Ruhemann (Flöte), Niamh Molloy, Andrew Fuller (Cello).
Guild GMCD
7293 (1 CD) DDD
Joseph Weigl:
Die Schweizer Familie.
Tobias Müller-Kopp
(Graf Wallstein), Petri Mikael Pöyhönen/Michael Hoffmann (Verwalter Durmann/Sprecher),
Stephan Bootz (Richard Boll), Olivia Vermeulen (Gertrude), Marília Vargas/Antje
Hochholinger (Emmeline/Sprecherin), Roman Payer (Jacob Fribourg), Robert Maszl
(Paul), Chor und Orchester Dreieck, Uri Rom.
Guild
GMCD 7298/9 (2 CDs) DDD
Schweizer Musikzeitung März 2006
Music for and by Fanny
Hünerwadel. Yvonne Howard (Mezzosopran), Richard Edgar-Witson (Tenor), Kathrin
Sturrock (Klavier), Jack Liebeck (Violine), Ileana Ruhemann (Flöte) u.a.
Fanny Hünerwadel, eine Schweizer
Musikerin im Umfeld Richard Wagners
Fanny Hünerwadel war Sängerin,
Pianistin und Komponistin und sammelte ein ziemlich einzigartiges musikalisches
«Poesiealbum» mit Einträgen aus ihrem Umfeld, aber auch von Wagner und Liszt.
Ein Interview mit Bernhard Hangartner, dem Leiter der Forschungsstelle «Musik in
Zürich», einem Projekt des Schweizerischen Nationalfonds am
Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Zürich.
Fanny Hünerwadel ist 28jährig
gestorben. Bloss sieben Lieder und einige Klavierstücke von ihr sind überliefert.
Ist das alles?
Bernhard Hangartner: Ich weiss von
nichts anderem. Besonders die Lieder sind interessant, zeigen Individualität und
Charakter. Eine gewisse Süssigkeit der Texte fällt auf, das gehört aber in die
damalige Zeit. Die Klaviermusik ist eher salonhaft, was ebenfalls dem
Zeitgeschmack, entspricht. Dennoch zeigt Fanny kompositorisches Können und
beweist, dass sie auch eine gute Pianistin gewesen sein muss.
War es üblich, dass eine so junge
Frau doch einigermassen prominent im Konzertleben stand?
Ganz als üblich würde ich es nicht
bezeichnen. Es gab andere Frauen in der Öffentlichkeit, Fanny Hensel, oder Clara
Schumann, beide mit weit mehr Ausstrahlung. Für Zürich ist es wahrscheinlich
schon etwas Besonderes gewesen. Gerade dieses Album zeigt, dass sie über ein
beachtliches Beziehungsnetz verfügt haben muss.
Wie einzigartig war ein solches
musikalisches Poesialbum?
Diese Frage würden wir gerne in einem
grösseren Kontext untersuchen. Es fällt auf, dass solche Albumblätter immer
wieder am Markt auftauchen. Selten ist, dass eine Sammlung so komplett erhalten
bleibt.
Gerade mit Autographen von Liszt und
Wagner.
Genau, die würde man normalerweise
herausnehmen und teuer verkaufen. Dabei hat bestimmt geholfen, dass das Album
lange Zeit als verschollen galt. Es ist immer in der Familie geblieben und muss
wohl lange Zeit unerkannt aufbewahrt worden sein.
Sind die Stücke darin
Originalkompositionen?
Gerade ein Alexander Müller hat
natürlich für seine Schülerin ein Unikat komponiert.
Liszt dagegen schrieb nur den Namen
hin ohne Widmung, mit ein paar Takten Musik aus einem Klavierstück. Bei Wagners
Ausschnitt aus «Siegfrieds Tod» ist es ähnlich, wobei er sich immerhin die Mühe
einer persönlichen Widmung machte. Bei manchen Stücken laufen Abklärungen, ob es
sich um Originalkompositionen handelt.
Die meisten anderen Stücke kommen aus
dem Umfeld von Fanny. Daneben gibt es die reisenden Virtuosen mit musikalischen
Grüssen. Das war durchaus üblich. Fanny war im Zürcher Musikleben so gut
integriert, dass sie Zugang zu diesen Musikern hatte.
Sie haben mit dem Label Guild eine CD
mit dieser Musik herausgebracht. Wie geht es weiter?
Wir möchten noch 2006 das Album als
Faksimile in einer wissenschaftlichen Edition herausbringen. Ihre Lieder sollen
in einer praktischen Ausgabe erscheinen. Zudem möchten wir in nächster Zeit
versuchen, das Bild dieser Musikerin zu vervollständigen und als Mosaikstein im
Zürcher Musikleben umfassend darzustellen.
Interview: Reinmar Wagner
Fanny Hünerwadel wurde 1826 in eine
angesehene Lenzburger Arztfamilie geboren. Sie erhielt eine umfassende
Ausbildung als Pianistin, Sängerin und Komponistin, zuerst in Lenzburg von ihrer
Mutter, dann in Zürich vom Dirigenten und Komponisten Alexander Müller. Sie
unternahm Studienreisen nach Paris und London und trat sowohl in Zürich und
Umgebung wie auf ihren Reisen als Sängerin und Pianistin auf. 1853 trat sie eine
Italienreise an, von der sie nicht zurückkehrte: Am 27. April 1854 starb sie,
erst 28jährig, in Rom an Typhus.
MusicWeb Wednesday April 05 2006
Music for and By Fanny Hünerwadel
Alexander MÜLLER (1808-1863)
Tempo di Mazurka [4:24]
Johann Carl ESCHMANN (1826-1882)
Kleine Studie [1:11]
Heinrich Wilhelm ERNST (1814-1865)
Moderato [0:43]
Ferdinand (Fürchtegott) HUBER (1791-1863)
Sehnsucht nach der Heimat [0:59]
Friedrich Wilhelm EICHLER (1809-1859)
Himmel auf Erden [4:27]
Max SEIFRIZ (1827-1885)
O du glückliches Vögelein [1:35]
Julius EDELE (1811-1863)
Ein Lied ohne Worte [2:55]
Johann Wenzel KALLIWODA (1801-1866)
Wanderlied [2:29]
Carl Leopold BÖHM (1806-?)
Über Nacht [4:10]
Franz ABT (1819-1885)
Von Dir [2:33]
Christian Gustav Gottlieb RABE (1815-1876)
Warme und kalte Genüße [0:38]
Henri VIEUXTEMPS (1820-1881)
Andante espressivo [2:00]
Teresa MILANOLLO (1827-1904)
Allegro moderato [0:31]
Richard WAGNER (1813-1883)
Siegfrieds Tod [4:02]
Franz LISZT (1811-1886)
á Fanny H. [1:29]
Fanny HÜNERWADEL (1826-1854)
Sechs Lieder [17:28]
Sonntagsfrühe [4:38]
(Anonymous)
Vocalizzo [1:29]
Wilhelm BAUMGARTNER (1820-1867)
Sechs kleine Lieder [16:52]
Yvonne
Howard (mezzo)
Richard Edgar-Wilson (tenor)
Kathron Sturrock (piano)
Jack Liebeck (violin in solos)
Ileana Ruhemann (flute)
Niamh Molloy (cello)
Charles Sewart (violin)
Ursula Gough (violin)
Yuko Inoue (viola)
Andrew Fuller (cello)
The Fibonacci Sequence
rec. Potton Hall, Suffolk, England 20-25 November 2004
GUILD
GMCD 7293 [76:16]
Coming immediately after I finished
reviewing a disc of Fanny Mendelssohn comes a disc regarding another Fanny, who
had some circumstances in common. Both Mendelssohn and Hünerwadel were artists
in their own right and composed on their own. Both held long-standing musical
salons. Both died young, Hünerwadel at a much younger age, succumbing to typhoid
at only 28. Her experience with her family was much more supportive than that of
Mendelssohn. Hünerwadel was given a musical education by her mother, then
allowed to pursue studies with town musicians and was then supported by an
uncle. Various artists attested to her abilities - she performed in Zurich and,
in a move unusual at the time, regularly visited mental institutions to perform
in the belief that music would have a therapeutic and calming effect on the
inmates.
This collection is based on her
music album, including a great range of composers, from childhood teachers to
Wagner and Liszt, which also shows the social network that Hünerwadel enjoyed in
her short life. All but three of these 29 tracks are world premiere recordings.
The pieces are charming and a
glimpse into what the Hünerwadel salon may have been like. Some of the works
were incompletely written by the composer when making the entry and, as with the
Liszt and Wagner, have relation to works that appeared elsewhere. Charming is
the word for many of these works, especially the solo piano pieces by Müller,
Eschmann, and Ernst. For those that enjoy salon music and Lieder, this disc
holds great riches.
The mezzo-soprano tends to sing
with more expansive tone than is necessary here; her first appearance in Huber’s
Sehnsucht nach der Heimat being a prime example. The ending yodel is
oversung and has too much vibrato. More sensitively done, this part could be
light and lilting. On the quieter pieces, both Howard and tenor Edgar-Wilson
work wonderfully.
As mentioned, the Wagner entry to
the book was incomplete and subsequently extended by other hands. The opening
bars to this familiar section are quite sparsely accompanied by piano, and the
result will be of interest to Wagner fans. Hünerwadel being a singer, most of
the contributions to her book are songs; for me the instrumental pieces, aside
of course from the vocal piece by Wagner, hold the most interest for this
reviewer — full of innocent charm and sunny brevity. There is an anonymous,
Vocalizzo, which is languid and a brief minute and a half of sheer beauty.
Another standout is Hünerwadel’s own Sonntagsfrühe for piano, flute and
soprano, which is a lovely piece that holds its own quite well.
The booklet includes the texts to
the songs, with various translations, along with helpful notes regarding
Hünerwadel’s life. A very pleasant disc.
David Blomenberg
Klassik.com - Samstag März 25 2006
Die Schweizer
Komponistin Fanny Hünerwadel dürfte nur den wenigsten Menschen bekannt sein. Sie
gehört zu den vielen Musikerinnen, die von der Musikgeschichte nur allzu schnell
vergessen wurden. Zu Lebzeiten von ihren Zeitgenossen hoch geschätzt doch nach
dem Tod in die absolute Bedeutungslosigkeit herabgesunken teilt sie das
Schicksal so manchen Kleinmeisters. Fanny wurde 1826 in Lenzburg als Tochter
eines Arztes geboren. Sie genoss schon von klein auf musikalische Unterweisungen
durch die Mutter und machte schnell durch ihr großes Talent auf sich aufmerksam.
Ihr Onkel, der in Zürich ein angesehener Bankier war, ermöglichte es der 20
Jährigen ihre Studien bei bekannten Züricher Musikprofessoren fortzusetzen. Bald
machte sie sich einen Namen als hervorragende Pianistin und Sängerin. Nebenher
komponierte sie und gab in Nervenheilanstalten der Umgebung regelmäßig Konzerte.
Namhafte Musiker, die in und um Zürich tätig waren widmeten ihr sehr viele
Kompositionen, die sie in einem Autographenalbum sammelte. Es finden sich in
dieser außergewöhnlichen Zusammenstellung auch einige sehr berühmte Komponisten,
die nur all zu gerne bereit waren, Fanny ein Stück von sich zu widmen, wie Henri
Vieuxtemps, Richard Wagner und Franz Liszt. Doch lange konnte sie sich nicht an
diesen musikalischen Geschenken erfreuen, denn schon mit 28 Jahren erkrankte sie
auf einer Romreise an Typhus und starb dort fern der Heimat am 27. April 1854.
Der Nachwelt sind neben dem bereits erwähnten Album auch einige Kompositionen
von Fanny erhalten, die in der Fachliteratur als epigonale Werke ohne eigenen
Charakter gehandelt werden. Ihr wird vorgeworfen, dass sie sich nie von ihren
großen Vorbildern lösen konnte und so nie etwas Eigenständiges geschaffen habe.
Die Mezzo-Sopranistin
Yvonne Howard, der Tenor Richard Edgar-Wilson und die Pianistin Kathron Sturrock
haben nun das Autographenalbum und eine Auswahl von Hünerwadel-Liedern für das
Label Guild neu eingespielt. Dass es sich hierbei fast ausschließlich um
absolute Erstaufnahmen handelt, ist auf Grund des ausgefallenen Repertoires
nicht weiter verwunderlich.
Zu Beginn der
CD erklingt eine Mazurka ihres Kompositionslehrers Alexander Müller, die Kathron
Sturrock mit reizendem Charme spielt. Das Stück ist geprägt von einem virtuos
gefälligen Saloncharakter, der damals genau den musikalischen Geschmack traf.
Ebenso perlen die kleinen ‘Studien’ von Johann Eschmann und Heinrich Ernst dahin,
von Kathron Sturrock einfühlsam interpretiert. Die ‘Sehnsucht nach der Heimat’
für Sopran und Klavier stammt von Ferdinand Huber. Yvonne Howard wirft sich mit
ihrer ganzen stimmlichen Macht in dieses zarte Miniaturgebilde und forciert die
bescheidene Melodie zu sehr. Der zitathafte Jodler am Ende des Liedes wirkt
deshalb lächerlich überzeichnet. Besser gelingt ihr das ‘O du glückseliges
Vögelein’ von Max Seifriz, auch wenn sie hier ebenfalls mit zu viel Kraft die
naïve Linienführung zu einem Kunstlied aufbläht.
Interessant
ist auch das Lied für Sopran, Klavier und Cello ‘Über Nacht’ von Carl Leopold
Böhm. Über einer dezenten Klavierbegleitung verweben sich Instrumental- und
Gesangsstimme mit natürlicher Einfachheit. Die Cellistin Niamh Molloy spielt mit
angenehm warmem Ton und bietet einen gleichberechtigten Part zur Sopranstimme.
Franz Abt komponierte das kleine Lied ‘Von Dir’, dessen schwelgender Duktus gut
zur leichten Tenorstimme von Richard Edgar-Wilson passt. Obwohl er teilweise in
der Höhe die Töne forcieren muss und auch sonst eine eher etwas flache Stimme
hat, wird seine Stimme den Salonminiaturen mehr gerecht als der stark
vibratolastige Gesang von Yvonne Howard. Das ‘Andante espressivo’ von Henri
Vieuxtemps für Violine und Klavier ist ein melancholisch davon schwebendes
Klanggebilde, welches von Sturrock und dem Geiger Jack Liebeck mit viel Gespür
für die zarten Nuancen vorgetragen wird. Ein eher wildes Stück ist das ‘Allegro
moderato für Sologeige’ der Komponistin Teresa Milanollo.
Mit gerade
einmal 30Sekunden Spielzeit ist es eine recht kurze Komposition, doch steckt sie
voll virtuoser Raffinesse. Ein echtes Kuriosum ist Wagners ‘Siegfrieds Tod’
arrangiert für Sopran, Tenor und Klavier. Ohne das mächtige Orchester wirken die
wuchtigen Gesangsparts merkwürdig deplaziert und übersteigert. Dagegen strahlt
das ‘à Fanny H.’ von Liszt vor inniger Wärme.
Die
‘Sechs Lieder’ , die Fanny Hünerwadel kurz vor ihrer verhängnisvollen Romreise
schrieb, lösen sich aus der eleganten Salonmusik und zeugen von ihrem Streben,
sich als ernsthafte Künstlerin zu etablieren. In Stimmbehandlung und Begleitung
hört man deutliche Anklänge an Schubert und Schumann, doch kann Hünerwadel den
Stücken durch eigenwillige Harmonik eine eigene Note verleihen. Abgerundet wird
die CD durch ‘Sechs kleine Lieder’ von Wilhelm Baumgartner. Dieser war ein enger
Freund von Hünerwadel und gab regelmäßig Konzerte mit ihr. Baumgartners Werke
sind ebenfalls der zeitgenössischen Kunstliedtradition von Schumann und Brahms
verpflichtet, obwohl seine Stücke oftmals eher einen sentimental volkstümlichen
Duktus haben.
Christiane Bayer
Mittelland Zeitung
Aargauer Zeitung Freitag März 10 2006
Geliebte Lenzbu rgeri
n
KLASSIK Musikvonundfür
Fanny Hünerwadel auf CD
WALiER LABHART
„A Fanny
H.“: Diese geheimnisvolle Widmung steht über einem pianistischen Albumblatt von
Franz Liszt, aufgezeichnet für eine vor 180 Jahren in Lenzburg geborene Sängerin,
Pianistin und Komponistin, die in der Ewigen Stadt ihre ewige Ruhe fand: Fan ny
Hünerwadel (1826-1854) war in Rom an Typhus gestorben, kaum hatte sie an der
päpstlichen Segnung v9r dem Petersdoffi teilgenommen. Die aXs Arzttochter zur
Welt gekommene Crosstante von PeterMieg er- hielt mitsechs Jahren ersten
Klavierunter- richt von ihrer Mutt~r undbildete sich bei Alexander Müller in
Zürich aus. Der mit Wagner befreundete Schüler von Johann Nepomuk Hummel machte
sie mitvielen Berühmtheiten des Zürcher Musiklebens bekannt und steuerte zu
ihrem Musikal- bum von 1852{53 eine Mazurka für Klavier bei.
IN
DIESER SAMMLUNG musikalischer
Albumblätter tauchen zwischen längst vergessenen Namen wie Friedrich Eichler,
Julius Edele oder Max Seifriz in Zürich einst so erfolgreiche Koli1ppnisten wie
Franz Abt, Jobann Carl Eschmann und Richard Wagner auf. Letzterer nannte die
Aargauer Künstlerin in einem Brief an seinen Freund Wilhelm Baumgartner «unsere
gute Jungfer». Das seltsamerweise von lauter englischen Musikerinnen und
Musikern erstmals eingespielte Album zeichnet sich bezüglich der Besetzungen
durch verblüffende Vielfalt aus. Kleinformatige Klavierstücke und Lieder
wechseln mit einer «Warme und kalte Genüsse» betitelten Streichquartettfuge von
Christian Gustav Gottlieb Rabe oder mit einem bravourösen Allegro für Violine
solo von Teresa Milanollo ab. per Geigenvirtuose Heinrich Wilhelm Ernst ist mit
einer pianistischen Miniatur vertreten, Richard Wagner mit «Siegfrieds Tod» für
Sopran, Tenor und Klavier.
An diese
Reizvollen Miniaturen, die häufig. Nur einec Minute dauern. Schliessen sich die
„Sechs kleinen Lieder“, „Fräulien Fanny Hü¨nerwedel“ (sic!) von Wilhelm
Baumgartner gewidmet, und schöpferische
.Kostproben der Musikerin an.
Aus den «Sechs Hinterlassenen Liedern» spricht die Vertrautheit mit Franz
Schubert und Robert Schumann,mehr eigenes Profil ver- rät die «Sonntagsfrühe»
für Sopran, Flöte und Klavier. Während der Tenor Richard Edgar-Wilson sowie die
Pianistin Kathron Sturrock reichlich Einfühlsamkeit bewei- sen, singt die
Sopranistin Yvonne Howard mit viel Vibrato und überllüssigem Pathos an der
Substanz der Werke vorbei.
NZZ Wednesday March 22 06
tsr
Schacher T.
Animatorin und Komponistin
tsr. Lokalgrösse mit internationalem Beziehungsnetz - so könnte
man die 1826 in Lenzburg geborene Pianistin, Sängerin und Komponistin Fanny
Hünerwadel charakterisieren. Durch die
Unterstützung ihres Förderers Alexander Müller konnte sie in verschiedenen
Zürcher Konzerten auftreten, sie unternahm Studienreisen nach Paris und London
und eine Bildungsreise nach Italien, wo sie bereits im Alter von 28 Jahren an
Typhus starb. Ein Jahr vor ihrem Tod legte sie ein Album an, in das sechzehn
Komponisten neue oder schon bestehende Kurzstücke eintrugen. Es sind ihre
Lehrer, Musiker, bei denen sie als Interpretin auftrat, und Komponisten, die sie
bewunderte. Die vorliegende CD bringt die Albumstücke als Ersteinspielung auf
den Markt. In der Mazurka von Müller präsentiert sich Kathron Sturrock als
ebenso brillante wie gefühlvolle Pianistin. Die Mezzosopranistin Yvonne Howald
und der Tenor Richard Edgar-Wilson spannen den Bogen gekonnt von den lyrischen
Liedern bis zu Wagners dramatischer Szene "Siegfrieds Tod", wobei Sturrock
gelegentlich etwas Mühe mit der Diktion des Deutschen bekundet. Mit sieben
Liedern stellt die Einspielung Fanny Hünerwadel
auch als Komponistin vor. Die Stücke reichen vom reinen Strophenlied bis zu
elaborierten Formen und sind in ihrem Ausdrucksgehalt von einer romantischen
Naturlyrik bestimmt. In "Sonntagsfrühe" tritt in der Begleitung zum Klavier noch
eine Flötenstimme, die sich mit der Sängerin zum Duett verbindet.
Music for and by Fanny Hünerwadel. Kompositionen
von Alexander Müller, Johann Carl Eschmann, Heinrich Wilhelm Ernst, Ferdinand
Huber, Friedrich Wilhelm Eichler, Max Seifriz, Julius Edele, Johann Wenzel
Kalliwoda, Carl Leopold Böhm, Franz Abt, Christian G. Rabe, Henri Vieuxtemps,
Teresa Milanollo, Richard Wagner, Franz Liszt, Wilhelm Baumgartner und Fanny
Hünerwadel. Yvonne Howard (Mezzosopran), Richard
Edgar-Wilson (Tenor), Kathron Sturrock (Klavier), The Fibonacci Sequence. Guild
GMCD 7293 (1 CD)

revised Monday July 03 2006
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