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Review for GHCD 2428 – Leopold Stokowski with Jascha Heifetz – Sibelius 1929-40

Klassik.com – Februar 2016

 
In heutiger Zeit wird die Musik von Jean Sibelius gerne (wenigstens teilweise) mit besonderem Fokus auf die Klanglichkeit musiziert. Dadurch geht gelegentlich einiges bis viel von seiner musikalischen Ursprünglichkeit, seiner dramatischen Stringenz unter. Die vorliegenden Einspielungen aus den Jahren 1929–1940 unter der Leitung von Leopold Stokowski heben gerade diesen Aspekt von Sibelius‘ Schaffen vorbildlich hervor. Stokowski hatte sich schon früh für Sibelius‘ Schaffen in den USA eingesetzt und die US-amerikanischen Erstaufführungen der Sinfonien 5–7 geleitet. Er wurde schnell berühmt für seine atmosphärisch dichten Interpretationen, und in der Zahl seiner Sibelius-Interpretationen in den 1920er-Jahren überragte er selbst Serge Koussevitsky. Die ausführlichen einsichtsvollen Bookletinformationen führen (wenn auch nur auf Englisch) bestens in eine reich gefüllte Schatztruhe hinein, in der sich die Preziosen nicht an Klangäußerlichkeiten aufhalten, sondern allesamt spannungsvoll und ungeheuer atmosphärisch dicht zum Kern der Musik vordringen. In ‘Finlandia’ op. 26 (vom 28. April 1930) wird durch Stokowski und seine Musiker die Nähe zum russischen Volksgut auf das Vorteilhafteste hervorgehoben, gleichzeitig die Traditionslinie zur Liszt‘schen Symphonischen Dichtung klar herausgearbeitet.
Wie bei solch alten Klangquellen nicht anders zu erwarten, haben wir keinen High Fidelity-Sound, aber eine reichen, sorgsam restaurierten, atmosphärisch überzeugenden Gesamtklang, in dem keine Instrumentengruppe zu kurz kommt. Im ‘Schwan von Tuonela’ op. 22 Nr. 2 werden unter Stokowski die typisch finnischen Klangaspekte ebenso offenbar wie die Wagner‘sche Traditionslinie; Marcel Tabuteau, langjähriger Solooboist des Philadelphia Orchestra, wurde der Solopart erst einen Tag vor Aufnahmebeginn übertragen – Tabuteau besaß selbst kein Englischhorn, und auch wenn er den Solopart mit einem geliehenen Instrument über Nacht einstudieren musste, ist das Ergebnis ein Klassiker geworden. Von gleicher Intensität ist die ‘Valse triste’ op. 44 Nr. 1 (mit einer gehörigen Portion sensueller Walzerseligkeit an passender Stelle), eingespielt am 15. Januar 1936, und eine dazu passende Einspielung der Berceuse op. 109 Nr. 8, produziert am 7. November 1937. Die atmosphärische Dichte und musikalische Innenspannung der einzelnen Stücke ist beeindruckend und straft ihre scheinbare Nebensächlichkeit Lügen. Höhepunkt der wichtigen Produktion sind zwei seinerzeit unveröffentlicht gebliebene Aufnahmen, das Violinkonzert d-Moll op. 47 mit Jascha Heifetz (eingespielt Heiligabend 1934) und die Siebte Sinfonie C-Dur op. 105, mitgeschnitten kurz nach Ende der Zusammenarbeit mit dem Philadelphia Orchestra am 22. September 1940. In der Siebten Sinfonie ist das kurzlebige, wegen des Weltkrieges schon 1941 wieder aufgelöste All-American Youth Orchestra zu hören. Am selben Tag wie Sibelius‘ Violinkonzert spielten das Philadelphia Orchestra und Stokowski, zusammen mit Sergei Rachmaninoff, dessen Paganini-Variationen ein – entsprechend dicht war der Aufnahmeplan und wohl auch die Anspannung der Interpreten. Heifetz‘ Stereo-Einspielung des Violinkonzerts unter Walter Hendl aus dem Jahr 1959 mag klangtechnisch unvergleichlich besser sein – die besondere Dichte der mehr als zwanzig Jahre früheren Einspielung wird nicht erreicht.
Heifetz‘ tiefgründiges wie traumwanderlisch sicheres und virtuoses Spiel verbindet sich mit dem intensiven Ton des Philadelphia Orchestra zu einem intensiv-memorablen Ereignis. Andere Qualitäten bietet die 1940er-Einspielung der Siebten Sinfonie. Da die Orchestermusiker alle dem Altersraum von 18 bis 25 Jahren entstammten, ist hier, neben intensiv-drängenden Klängen, eine interpretatorische Frische zu spüren, die gerade mit Blick auf die gleichzeitigen Kriegsereignisse geradezu herzerwärmend ist. Die Gesamtstimmung mag nicht ganz so dicht sein wie in anderen Einspielungen, doch berührt der jugendliche Einsatzwille des wohl ersten Staatsjugendorchesters ungemein. Insgesamt – vor allem dank Stokowskis überzeugendem Dirigat – eine wichtige Ergänzung der Stokowski-Diskografie, die interpretatorisch eine ganze Menge jüngerer Einspielungen (und viele renommierte Namen) extrem blass und unwichtig aussehen lässt. Recht so!

Jürgen Schaarwächter 

 

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